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Das Ding mit der Kreativität



Mindestens einmal auf jeder Veranstaltung bekomme ich diese Frage gestellt: "So viele Bücher, woher nehmen Sie denn die Kreativität?"

Ich weiß genau, die Frage ist freundlich gemeint, vielleicht sogar bewundern. Aber innerlich winde ich mich jedes Mal, wenn ich sie beantworten soll. Mir scheint dann immer, der Fragende erwartet große Enthüllungen, Geheimnisse der Kreativität sozusagen. Manchmal frage ich mich wirklich, welche Antwort erwartet wird. Vielleicht: "Nun, in meinem anderen Leben bin Hüterin in einer Stadt unter dem Meer und somit ist im Grunde alles autobiografisch"?


Kreativität als Mysterium


Mit der Frage wird in den Raum gestellt, dass Kreativität etwas Mystisches ist. Etwas, dass man eben besitzt oder auch nicht. Es klingt, als würde ich gemütlich auf der Couch sitzen, dann küsst mich die Muse und bumm - das nächste Buch ist fertig geschrieben. Dabei empfinde ich die Kreativität als Handwerk, als etwas, an dem ich stetig arbeite, für das ich recherchiere, worüber ich nachdenke, etwas, woran ich bastele, was ich ausprobiere und woran ich auch schon mal scheitere. Das, was von außen wohl nach Kreativität aussieht, ist für mich vor allem eins: Dranbleiben mit Disziplin und viel, viel Willenskraft.


Die Frage unterschätzt die Arbeit hinter der Idee


Die Frage impliziert ein wenig, als würde Kreativität allein Bücher schreiben. Als müsste ich im Grunde nichts weiter tun, denn Kreativität besitze ich ja anscheinend. Tatsächlich ist es aber so, dass Unterwasserstädte, Kriminalfälle und spannende Charaktere sich nicht spontan in einem Word-Dokument materialisieren. Ich entwerfe all das. Oft denke ich wochenlang über das Setting oder den Plot nach, verwerfe von Zeit zu Zeit Charaktere, weil sie eben nicht "richtig" sind. Manchmal höre oder lese ich etwas, sehe es im Fernsehen oder erlebe es, was den Anstoß für etwas in einer meiner Geschichten gibt. Aber alles drumherum, das entsteht durch ein intensives Auseinandersetzen mit dem Thema. Ein Buch zu schreiben kostet mich hunderte Stunden Arbeit.

Und das ist, noch bevor es zur Überarbeitung, zum Lektorat und zum Buchsatz kommt. Denn das alles ist ebenfalls sehr viel Arbeit und wird bei der Frage, woher ich meine Kreativität nehme, nicht berücksichtigt.


Kreativität kommt für mich von Wissen


Wenn ich weiß, wie eine Dampfmaschine funktioniert, kann ich mir überlegen, welche neuartigen Geräte damit angetrieben werden könnten. Wenn ich weiß, wie eine Droge wirkt, kann ich mir überlegen, ob und wie ich sie als Mordwaffe in einem meiner Krimis einsetzen könnte. Wenn ich weiß, wie Rum hergestellt wird oder wurde, kann ich das in einem meiner Bücher (Stadt der See :P) einbauen.

Wenn ich nichts weiß, fällt es mir schwer, etwas zu erschaffen. Daher würde ich behauptet, ein Großteil von dem, was andere als Kreativität wahrnehmen, stammt daher, dass ich mir W

issen aneigne und recherchiere (darunter fällt auch, selbst zu lesen oder Filme anzusehen, um dort auf Ideen zu kommen. Sich vielleicht anzuschauen, wie man Charaktere gestalten kann oder sonst etwas.)


Ich betrachte Kreativität nicht als Geschenk sondern eher als Entscheidung


Ich entscheide mich jeden Tag wieder dazu, kreativ zu sein. Ich setze mich hin, öffne mein Manuskript und schreibe. Auch an Tagen, an denen es nicht fließt. Ich diskutiere Plot-Ideen mit meinem Mann, auch wenn diese noch nicht ausgereift sind. Ich stehe unter der Dusche und grübele darüber nach, wie ich ein Loch in der Geschichte ausmerzen könnte. Ich mache das auch an Tagen, an denen ich zweifle und an denen mir nichts Gutes einfällt. Denn Kreativität ist ein wenig wie ein Muskel und man kann sie trainieren. Daher stammt meine Kreativität nicht daher, dass ich besonders begabt bin, sondern eher daher, dass ich viel Arbeit ins Schreiben stecke.


Wie bleibe ich kreativ?


Vielleicht wäre das die interessantere Frage. Denn kreativ zu bleiben im Alltag, der einen fordert, ist manchmal gar nicht so leicht. Wie gehe ich damit um, wenn ich in einer Geschichte feststecke und nicht weiterkomme?

Man könnte auch fragen: Was inspiriert dich? Dann könnte ich von den Menschen auf den Flohmärkten erzählen, die mich auf die Palme bringen, die aber immer wieder wunderbare Charaktere in meinen Büchern ergeben (Schaut euch nur mal die Anfangsszene von "Castle Rose" an). Oder von Fernsehserien, die ich sehr mag (So hat zum Beispiel "Bones" meinen Steampunk-Krimi "Knochen & Dampf" inspiriert).



Zwischen Mythos und echter Arbeit


Ich weiß, die Frage: "Woher nehmen Sie die Kreativität?" ist nett gemeint. Aber sie kratzt nur an der Oberfläche. Sie verkennt die Mühe, die ich in meine Bücher stecke.

Kreativität ist kein Wunder, sie ist harte Arbeit und ein immer Dranbleiben. Ich entscheide mich täglich dafür, meine Geschichten zu schreiben und zu veröffentlichen. Und ich freue mich sehr darüber, wenn sie anderen Menschen Spaß bereiten, sie zum Nachdenken anregen und sie zumindest für eine Weile in eine andere Welt entführen.



 
 
 

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